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"Wir sind doch keine Gralshüter!"
"Wir sind weder Gralshüter noch Schatzwächter," sagt Max O. Schmid, Meister vom Stuhl der Aargauer Loge
"Zur Brudertreue". Seit einiger Zeit bemüht sich die Loge um Öffnung zum Beispiel mit einem Internet-Auftritt,
der auf großes Echo stößt.
Stéfanie Trautweiler
Geheimnisvolle Riten, unverständliche Symbole, mystische Praktiken... Wer sich nicht mit diesen Vorurteilen
zufrieden geben will, findet jetzt auf dem Internet konkrete Informationen über die Nachfahren der mittelalterlichen
Dombauhüttenmeister. Aufklärung tut not: Die Freimaurer sind in ihrer 280jährigen Geschichte aufgrund ihrer Ideale
immer wieder unter Beschuß geraten. Die Bruderschaft tritt ein für Geistes-, Gewissens- und Glaubensfreiheit, für
die Achtung Andersdenkender, für die freie Entfaltung des Individuums und für Wahrheit und Gerechtigkeit. Dieser
Einsatz für die Menschlichkeit kann unter den Stichworten Humanität, Toleranz und Weltbürgertum zusammengefasst
werden. Er bedeutet für jede machthungrige Gruppe eine ernstzunehmende Gefahr. Totalitäre Regimes der politischen
"Rechten" und "Linken" verbieten deshalb die Freimaurer auch gleichermaßen rigoros. Um die Verfolgung der unbequemen
Freigeister zu rechtfertigen, wird auch oft zum Mittel der Verleumdung gegriffen.
So geistern alte Mären von Weltverschwörung und Revolution im Zusammenhang mit der Freimaurerei noch heute hartnäckig
durch viele Köpfe.
Allen Widerständen zum Trotz hat die Bruderschaft an ihren Regeln festgehalten: Noch immer sind unter ihrem Dach
Menschen verschiedener Religionen vereint. Noch immer wird Parteipolitik innerhalb der Loge nicht diskutiert.
Noch immer ist der Beitritt vermeintlicher geschäftlicher Vorteile wegen unter den Mitgliedern verpönt. Und
auch ihren hohen Idealen sind die Freimaurer bis heute treu geblieben. Sie haben nie aufgehört, sich für
Menschlichkeit und Menschenrechte einzusetzen, und daß ihre Ziele trotz der veränderten gesellschaftlichen
Situation noch immer aktuell sind, zeigen ihre durchaus stolzen Mitgliederzahlen.
Max O. Schmid, Meister vom Stuhl der Aarauer Loge "Zur Brudertreue" erklärt die anhaltende Attraktivität des
Maurertums so: "In allen Zeiten hat der Mensch nach dem Sinn des Daseins gesucht. Die Freimaurer suchen
gemeinsam nach diesem Sinn. Nach dem Grundsatz: "Erkenne durch Erleben" versuchen wir, uns mit Hilfe von
Ritualen und Symbolen die Vorgänge des Lebens zu verdeutlichen." Seine hohen Ideale sollten den Freimaurer
eigentlich auch zu einem Vorbild innerhalb der Gesellschaft machen. Max O. Schmid relativiert: "Wir sind
keine vollkommenen Menschen. Ein Leben in Brüderlichkeit und Toleranz zu leben ist nicht einfach. Jeder
von uns erlebt immer wieder Rückschläge, die er mit einem neuen Anlauf zu überwinden sucht. Nicht in uns Menschen,
sondern in unserem nie endenden Bemühen um menschliche Größe ist ein allfälliger Vorbildcharakter
zu sehen," sagt Max O. Schmid zur Motivation der Freimaurer.
In diesem nimmermüden Bestreben der Brüder, ihre hohen Ideale zu verwirklichen, sieht Max O. Schmid denn auch
das "Geheimnis", das die Freimaurer als einen der letzten echten Einweihungsbünde umgibt: "Wir sind weder
Gralshüter noch Schatzwächter. Diese Geschichten gehören der Folklore an. Unsere Aufgabe ist es, ständig
an uns selber zu arbeiten. Wir begreifen uns als Stein, den wir bearbeiten, um wertvolle Mitglieder der
Gesellschaft zu werden. In dieser Arbeit am eigenen Charakter kann jeder Freimaurer sein eigenes, sehr
persönliches und deshalb nicht erklärbares Geheimnis finden."
Die Aargauer Loge "Zur Brudertreue" zählt mit ihren rund 90 Mitgliedern zu den größeren Schweizer Logen.
1811 von einer Gruppe einflußreicher und unternehmerischer Stadtväter gegründet, ist deren geistiger Einfluß
in der Loge noch heute spürbar. Die "Brudertreue" gilt in der Schweiz als progressive Loge. Seit vier Jahren
betreiben ihre Mitglieder eine gezielte und konsequente Öffnung nach Außen. Dazu gehören Vorträge,
Zeitungsinserate und eine Homepage auf dem Internet.
Unter der Adresse http://www.freimaurerloge.ch/ informiert die Loge über ihre Gründung, ihre Geschichte,
beantwortet häufig gestellte Fragen und orientiert über die Rolle der Freimaurer in der Weltgeschichte.
Zitate, Bilder und Literaturhinweise runden das Bild ab, während "Links" weiterführen zu den Homepages
anderer Freimaurerlogen in der ganzen Welt.
Markus Liniger, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Aargauer Loge freut sich über den Anklang,
den der Internet-Auftritt der Loge findet: "Die Reaktionen sind durchwegs positiv. Offenbar befriedigt
unsere Internet-Site ein bestehendes Bedürfnis der Bevölkerung nach Information über die Freimaurerei.
Erfreulich ist außerdem, daß die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme via EMail wesentlich niedriger ist als
via Brief oder Telefon." Markus Liniger betont aber auch, daß der Entscheid zu diesem weiteren Schritt in
Richtung Öffentlichkeit nicht einfach gewesen sei: "Leider kommt es immer wieder vor, daß Freimaurer unter
Druck gesetzt werden, sobald bekannt wird, daß sie unserer Bruderschaft angehören. Die Sorge um den
Arbeitsplatz zum Beispiel, veranlaßt viele Brüder dazu, über ihr Maurertum zu schweigen. Mit unserer
Präsenz in einem weltweit zugänglichen Medium wie dem Internet exponieren wir uns einmal mehr - und dies
erfordert Mut."
Trotz dieses Risikos ist Markus Liniger überzeugt, daß die Freimaurer mit einer Öffnung den richtigen Weg
gewählt haben: "Die Freimaurerei hat keinen Grund, sich zu verstecken. Im Gegenteil: Eine möglichst breite
Öffentlichkeit sollte mit unseren Idealen vertraut gemacht werden, damit das Licht der Menschlichkeit in der
Welt positiv wirken kann", sagt Markus Liniger als Öffentlichkeitsarbeiter für die Aargauer Loge "Zur Brudertreue"
mit Überzeugung.
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