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Was ist Freimaurerei?
Einführung
Erstens: das Wesen der Freimaurerei, insbesondere ihre Symbolik und ihr rituelles Brauchtum, kann nur verstanden werden aus der Kenntnis ihrer Entstehung. (s. Geschichte der Freimaurerei I und II)
Zweitens: das Wesen wandelte sich mit der Entwicklung des Zeitgeistes und unterscheidet sich in den verschiedenen Kulturkreisen und für die verschiedenen Lehrarten.
Wir halten uns an den Lehrgehalt unserer Grossloge, wie er in den "Allgemeinen Maurerischen Grundsätzen" in der Verfassung der Grossloge festgelegt ist.
The Constitutions of the Free-Masons
Nach wie vor gelten Andersons "The Constitutions of the Free-Masons", übersetzt unter dem deutschen Titel "Die Alten Pflichten von 1723" als die unwiderrufenen Grundgesetze der weltweiten, aus der Grossloge von London und Westminster hervorgegangenen Freimaurerei. Die "Alten Pflichten" sind Pflichtlektüre für jeden Freimaurer.
"Die Alten Pflichten von 1723" enthalten:
"Die Pflichten eines Frei-Maurers", welche den Moralkodex darstellen, und
"Die Allgemeinen Anordnungen"; sie bilden die Verfassung der Grossloge von London und Westminster.
Die Geisteshaltung
"Freimaurer zu werden bedeutet keinesfalls das Erreichen eines Zustandes; Freimaurer zu werden bedeutet das Einleiten eines lebenslangen Prozesses, nämlich der Arbeit an sich selbst".
Freimaurer bemühen sich in Freiheit Humanismus und Humanität zu realisieren, Freimaurer streben nach echter Menschlichkeit. Ihre ethischen Grundwerte sind Freiheit, Brüderlichkeit und Toleranz. Sie wollen diese Werte auch in die Gesellschaft hinein tragen und in ihr wirken lassen.
"Sie wollen gute und wahrhafte Männer sein, Männer von Ehre und Rechtschaffenheit, durch was für Sekten und Glaubensmeinungen sie auch sonst sich unterscheiden mögen. Hierdurch wird die Maurerei ein Mittelpunkt der Vereinigung und ein Mittel, treue Freundschaften unter Personen zu stiften, welche sonst in ständiger Entfernung voneinander hätten bleiben müssen." ("Alte Pflichten").
Ein Männerbund
Die Freimaurer bilden einen Männerbund. Zwar gibt es einen in Frankreich gebildeten, gemischten Orden, die "Ordre ma�onnique mixte international "Le Droit Humain"". Die regulären Grosslogen und Logen dürfen mit der "Le Droit Humain" keine formellen Beziehungen unterhalten und anerkennen diesen nicht. Allerdings organisieren in der Schweiz einige Logen von Zeit zu Zeit sogenannte "Weisse Logen", an denen die Lebenspartnerinnen der
Logenmitglieder teilnehmen dürfen.
Die Ziele
Das übergeordnete Ziel der Freimaurerei ist die Erziehung der Mitglieder zu einer freimaurerischen Geisteshaltung. Sie bemüht sich mit einem ethischen Leitbild in Freiheit Menschlichkeit zu realisieren. Daneben will sie aber auch Freundschaft und Geselligkeit pflegen und sich um Wohltätigkeit und Bildung bemühen. Die englischen und amerikanischen Logen betonen vor allem Geselligkeit und Wohltätigkeit.
Die Wege
Stufenweise Einführung (Lehrling, Geselle, Meister) in eine Lehre, welche nach dem Verstehen der letzten Fragen der menschlichen Existenz strebt und das Diesseits mit dem Jenseits harmonisch zu verknüpfen trachtet. Dazu muss der Neueintretende bereit sein seine bisherige Geisteshaltung auf die freimaurerischen Grundsätze hin zu überprüfen und "den Boden zu säubern". Weil so jeder Eintretende von vorn beginnen muss, spricht man von dem Weg der Initiation.
"Die Königliche Kunst erlegt dem Lehrling auf, an seinem rauen Stein zu arbeiten, d.h. sich zu vervollkommnen, damit er am Bau des grossen Tempels mithelfen kann; dem Gesellen, damit er das rechte Verhältnis zu seinen Mitmenschen findet und auch danach handelt, und dem Meister, damit er dem Obersten Baumeister des Weltalls gehörig dient, ihn liebt und preist und die ganze Menschheit zu Ihm hinführt. Alles dies, in symbolischer Steinmetz- und Maurersprache ausgedrückt, ist keine sinnlose Folklore, sondern hat tiefe Wurzeln..." schreibt Michel Dierickx S.J.
Hier möchte ich aus einem kürzlich veröffentlichten Bauriss zitieren:
"In der Tat kann man in das grosse Gefäss Freimaurerei viele Denkweisen einbringen, auch Seinsfragen, Staatsbürgerliches, Philosophie, Ethik und Esoterik finden darin ebenso Platz wie Sinn und Verständnis für Ritualistik und Symbolik oder historische Interesse, z.B. an Dombauhütten, Mysterienbünden der Antike und des Mittelalters, an Alchimie und Rosenkreuzrittertum.
Ein vielseitig gebildeter Suchender wird hoffen, in all diesen Wissensbereichen Fortschritte bei uns zu erzielen. Wie auch immer Bewerber gewichten mögen, eines erwartet sie mit Sicherheit, nämlich Brüderlichkeit, Freundschaft, Geborgenheit und positive Lebensinhalte ..."
Die Methode
Nicht nur mit logischen Konstruktionen und Argumenten sollen neu aufgenommene Mitglieder unterrichtet werden, sondern durch teilweise stumme Unterrichtung, in der Symbole und Rituale eine zentrale Rolle spielen. Die moderne Freimaurerei hat ihren Ursprung im beginnenden rationalen Zeitalter der Aufklärung aber eine nicht rein rationale Arbeitsweise. Kischke hat dafür die Termini "rationales Standbein der Freimaurerei" und " irrational vertiefendes Standbein der Freimaurerei" geprägt . Beginnen wir mit dem rationalen Standbein:
Das rationale Standbein der Freimaurerei
Die Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung - französisch "siècle des lumières", englisch "age of enlightment" - einer Geistesbewegung, welche Ende des 17.Jh. begann . "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."
Aufklärung ist kein Zeitabschnitt, sondern ein Prozess , der nie zum Stillstand kommt, solange der Mensch ein kritisch denkendes Wesen bleibt. Es geht um den Anspruch des Menschen, dass es ihm einleuchtend werde, was er meint, will und tut. Es geht um die Abkehr von der Blindheit des fraglosen Für-wahr-Haltens und um ein uneingeschränktes Bemühen um Einsicht und ein kritisches Bewusstsein von der Art und Grenze jeder Einsicht.
Man hat der Aufklärung immer wieder vorgeworfen, sie zerstöre die Überlieferung auf der alles Leben ruhe; sie löse den Glauben auf und führe zu Nihilsismus und Anarchie, sie gebe jedem Menschen die Freiheit der Willkür.
Das ist falsche Aufklärung, welche den Sinn der echten Aufklärung nicht mehr versteht. Falsche Aufklärung meint alles Wissen und Wollen und Tun auf den blossen Verstand gründen zu können, statt den Verstand nur als den nie zu umgehenden Weg der Erhellung dessen, was verstanden werden kann zu nutzen. Sie verführt den Einzelnen zum Anspruch für sich allein wissen und auf Grund seines Wissens handeln zu können, als ob der Einzelne alles wäre. Der falschen Aufklärung mangelt der Sinn für Grenzen und für Autoritäten, an denen sich das menschliche Leben orientieren muss.
Wahre Aufklärung ist sich faktisch der Grenzen des Denkens und des Fragenkönnens bewusst, aber ohne Zwang von aussen. Sie klärt nicht nur das bis dahin Unbefragte, die Vorurteile und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, sondern sich selber auf. Sie verwechselt nicht die Wege des Verstandes mit den Gehalten und Geboten des Menschseins. Sie verwechselt nicht Wissen und Glauben. Sie ist sich der Grenzen des Wissens und des Verstehens bewusst.
In unserer postindustriellen Gesellschaft gibt es zweifellos Ansätze in Richtung einer falschen Aufklärung . Dazu gehören Materialismus, Egoismus, Hedonismus , der Verlust des Masses, Umweltzerstörung, Mangel an Kreativität und - last but not least - der übermässige Einfluss der Medien und - vor allem - der Mangel an Verantwortung der Gemeinschaft und der Schöpfung gegenüber.
Einige kritische Menschen fordern daher eine Neue Aufklärung...
Die meisten Aufklärer waren nicht Atheisten, nicht einmal der grosse Zweifler Descartes (1596-1650). Er war praktizierender Katholik. Bei seinem Aufenthalt in den protestantischen Niederlanden wurde er als "Papist" beschimpft.
Auch unter den grossen Wissenschaftern unseres Jahrhunderts gibt es wenig Hinweise auf Atheismus . So schreibt Max Planck, der Begründer der Quantentheorie: "Es ist der stetig fortgesetzte, nie erlahmende Kampf gegen Skeptizismus und gegen Dogmatismus, gegen Unglaube und gegen Aberglaube den Religion und Naturwissenschaft gemeinsam führen müssen (....)"
Ethik
Ich möchte dieses Gebiet nur streifen. Ethik hängt mit dem Gewissen zusammen und beide sind dem Menschen zugehörige Eigenschaften. Die Ethik im Sinne der Sittenlehre hat eine wesentliche Bedeutung im Prozess der Aufklärung und damit auch für die Freimaurerei. Es wird von der Einheitlichkeit der Werte und der Einheit der Ethik gesprochen. Die Aussage: "Füge keinem andern zu, was Du nicht willst, dass man Dir tu'!" findet sich als Grundsatz in allen grossen Weltreligionen. Die Werte sind für alle Zeiten und Kulturen gültig, nur die Moralnormen existieren in Vielfalt.
Ist Ethik ein Faktum der Vernunft oder eine Inspiration?
Das irrational-vertiefende Standbein der Freimaurerei - wie Symbolik und Rituale
Hier möchte ich einmal mehr Dierickx S.J. zitieren :
"Es war eine kleine Sensation, als in einem kleinen katholischen Verlag in Paris 1961 ein anonymer Freimaurer ein Buch erscheinen liess, "Les authentiques 'Fils de la Lumière'", in dem er seinen eigenen geistigen Aufstieg durch die Freimaurerei schildert. Zum Gebrauch von Symbolen schreibt er: "Wenn sich unsere Rituale nicht in offener Sprache ausdrücken, so ist es nicht deshalb, um dem Aussenstehenden die grossen Geheimnisse zu verhüllen. Der Zweck der symbolischen Ausdrucksweise ist ganz im Gegenteil, der Intuition des Aufnahmesuchenden das mitzuteilen, was sein blosser Verstand nicht fassen kann. Das Erörtern abstrakter Begriffe genügt nicht, um die letzten Wahrheiten zu enthüllen." (......) "Die Freimaurerei ist kein steinernes Gebäude, das man Schicht für Schicht erbaut, wobei der Zement dem Gesetz der Logik entspräche. Unsere Rituale entsprechen keiner Dogmatik, nein, sie deuten vielmehr auf etwas anderes hin und dieses andere muss Bein von Eurem Bein und Fleisch von Eurem Fleisch werden. Die Intuition und die Analogie sind, viel mehr als der Verstand und die Logik, die Mittel, mit denen wir uns dem anderen nähern können. Unsere Texte und Zeremonien sind der Weg und das Leben, die auf asymptotische Weise, d.h. immer nur annähernd zur Wahrheit führen."
Abschliessende Bemerkungen
Wie lässt sich nun das Wesen der Freimaurerei möglichst einfach und griffig zusammenfassen?
In einer kürzlichen Instruktion I über das Wesen der Freimaurerei hat Br. F. L. drei Definitionen für die Freimaurerei aufgeführt:
Die erste, karikaturistische Definition:
"La Franc-Ma�onnerie, c'est un temple avec un restaurant". Es ist beizufügen, dass im französischen Sprachgebrauch "temple" Kirche bedeutet.
Erinnern wir uns an die Schlussworte der Tempelarbeiten: "Wir wollen der ernsten Arbeit Stunden der Geselligkeit folgen las-sen".
Die zweite Definition
gilt der Frage, ob die Freimaurerei eine Religion, eine Philosophie, oder eine Psychologie sei. Diese Frage wird oft von aussen gestellt. Vor allem hört man den Vorwurf, sie sei eine Ersatzreligion. Freimaurerei enthält Elemente von allen drei. Sie ist keine Religion, keine Ersatzreligion. Sie will aber zur Suche, zur Kontemplation, zur Meditation, zur inneren Versenkung anregen.
Die dritte Definition
stammt aus dem Katechismus der Freimaurerei. Die Antwort auf die Frage: "Was ist Freimaurerei?" lautet: "Es ist ein eigenartiges Lehrgebäude der Sittlichkeit, in Gleichnisse gehüllt und durch Sinnbilder erklärt."
Jede dieser Definitionen ist richtig, aber für sich allein unvollständig. Sie sind Kreissektoren, welche erst gemeinsam einen vollkommenen Kreis bilden. Dabei sind die Gewichtungen der Kreissektoren von Freimaurer zu Freimaurer verschieden.
Also: Freimaurerei ist
Kontemplation - Meditation
Schulung - Selbstveredelung
Geselligkeit - Fröhlichkeit
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